Der Tod des Freundes

Wallend weiße Nebelschwaden
säumten unsren Weg im faden,
dunstgedämpften Morgenlicht.
Traumgequälte Kummerstunden,
aufgebrochne Seelenwunden
rührten unser Sinnen nicht,
als wir, den scharfen Stahl an unsrer Seite,
der Frühe frohen Mut im Geist,
den Weg uns bahnten durch das weite
frühlingsgrüne Alsenstal,
wo in des neuen Tages Grauen schon
der Adler, ob des Jagens Lohn
geduldig hoch im Himmel kreist,
wohin ihn die Natur befahl.
Wo er mit scharfem Auge sieht,
was oft des Menschen Blick entflieht:
Wie uns in praller Herrlichkeit,
dort, wo sich Baum an Bäume reiht,
der Schöpfung ganze Pracht sich zeigt
und jedes Wesen sich verneigt
vor Kraft und Schönheit grüner Flur,
dem tiefen Atmen der Natur.
In Wald und Höhle findet so
gequälte Seele ihre Ruh.
Fühlt sich geborgen, fühlt sich klein,
im Ursprung allen Seins zu sein.

Vom Geist der Erde tief bewegt,
erreichten wir im Nu den Fuß
des hohen Berges Tonitrus,
der hier auf weiten grünen Hängen
der goldnen Trauben Reben trägt,
die dort sich Reih’ an Reihe drängen.
Und als wir so, zum Fechtplatz unsren Schritt gelenkt,
vor Adlers Blick den unsrigen gesenkt,
durch Schluchten unsren Weg genommen,
das Leben da um uns erwacht
aus dunkler, alpgeträumter Nacht.
Die steilen Hänge schnell erklommen,
den blanken Degen in der Hand
mein treuer Freund und Wegbegleiter
mir zitternd so entgegenstand.
Verspielt, doch ernst, zwar kühn, doch heiter
begannen wir alsbald den Gang,
so dass auch weit noch in der Ferne
der Degenhiebe Klang erklang.
Unter dem Zelt verblasster Sterne,
zwischen Mauern und Ruinen
entbrannte bald das heftigste Gefecht.
Wir suchten schmucken Schmiss uns zu verdienen
und jede Wunde war uns dabei recht.

Einen Augenblick zu lange
hielt ich just im Kämpfen inne.
Schien es eben noch wie oft,
dass ich diesen Streit gewinne,
spürt ich nun den heißen Schmerz.
Ein tiefer Schnitt ziert meine Wange,
Ihr Anblick da zerreißt mein Herz.
Unerwartet, unverhofft,
stand sie nun da, sonnenerhellt.
Vor ihrer reinen Lichtgestalt
verblasste mir der Rest der Welt.
Emotion und Leidenschaft
zogen mich mit Himmelskraft,
mit nie geahnter Urgewalt
fern hinab in Meerestiefen,
unbegrenzt und endlos weit,
wo uralte Götter schliefen
seit dem Anbeginn der Zeit.
Weiße Gischt und dunkle Wellen
schlugen über mir zusammen,
dennoch fand ich mich im Hellen,
in Poseidons reichem Reich.
Atmete des Wassers Leben,
seine dunkle, stille Macht,
nun war sie mir so gegeben,
als sei sie mir zugedacht.
Zwischen Türmen aus Korallen
sah ich goldne Fischlein grüßen.
Meerjungfrauen, Engeln gleich,
hoben an zu tanzen, schwammen,
legten Perlen mir zu Füßen,
neckten sich, mir zu gefallen.
Schenkten mir Korallenkrone,
führten zärtlich meine Hand
hin zu hohem Muschelthrone,
unter dem die eine stand,
die ich ewiglich begehre,
die mir Leid des Lebens war,
dass mich ihre Brust ernähre,
wie sie mich dereinst gebar.
Dass ich vor ihr zu Boden fiel,
glückberauscht, in Freudenqualen,
so königlich erschien sie mir,
noch schöner gar als Helena.
Des klaren Wassers Wellenspiel
umspülte sanft ihr schönes Haar
und dieses rahmt aus Marmor scharf ihr
wohl und fein geschnittenes Gesicht,
vor dessen hellem, reinen Strahlen
selbst das des Sonnengotts erlischt.
Und einige der vollen Strähnen
sich um zarte Ohren kuscheln,
die wie zauberhafte Muscheln,
an Poseidons Krone sitzend,
unter Schalen, Schätze schützend,
eine helle Perle tragend wähnen.
So berauscht vom Bild der einen,
nach der ich mich unendlich sehne,
fand ich mein Heil nur noch im Weinen.
Auch ihre Augen trugen eine Träne.
Und als mein Blick den ihren erst empfang,
der haltlos durch und durch mich drang,
mich tief in mir erzittern ließ
und mir das Tor zu neuen Welten wies,
der mich mit gutem Glück erfüllte,
mir allen Seins Sinn enthüllte,
da wurden unsre Seelen eins,
verschmolzen in der Liebe Glut.

Ihr Herz schlug ebenso wie meins,
durch unsre Adern schoss das selbe Blut.
Ich war von ihrem Anblick so verzückt,
dass ich mich, dieser Welt entrückt,
inmitten Engelswesen fand,
die freudig jauchzend mich umringen,
mich in ihre Mitte zwingen,
laute Lobeslieder singen,
die mich greifen und dann bringen
in ein unbekanntes Land.
Eins der Wesen führte mich auf hohen Berg
und zeigte mir die heil’ge Stadt,
der Liebe letztes großes Werk,
das heute schon begonnen hat.
Da wurde mir durch Mauerwerk aus reinstem Gold,
aus Perlen und Juwelen gar,
wie von höchstem Glück gewollt,
der Tempel dieser Stadt gewahr.
Und dieser Tempel war die eine,
deren Name Liebe ist
und deren zauberhafte, reine
Wohlgestalt mir meine kleine Seele küsst.
Doch diesmal saß sie auf dem Thron,
um dessen Fuß des Lebens Wasser floss,
das unsren ungeborenen Sohn
wie auch die Lebensbäume goss.
Bekleidet war sie mit der Sonne,
zu ihren Füßen lag der Mond.
Ihre Stimme war mir Wonne,
mit Sternen war ihr Haupt bekront.
Aus ihrem wohlgeformten Mund,
ihres klaren Geistes Tor,
wuchs von ihres Herzen Grund
ein schlankes Blümlein rank hervor,
einer schönen Lilie Blüte.
Ich selbst saß nun auf einem weißen Pferd,
mein Kleid war ganz von Blut getränkt
und meinem Mund entsprang ein scharfes Schwert,
wie von der Liebe Wort gelenkt,
das feurig in mir glühte.
Die schöne Lilie bringt das Leben,
um jeden Menschen aufzurichten,
das Schwert hingegen ist gegeben,
das große Tier einst zu vernichten.
So trat ich an den Thron heran,
um zwischen ihren bloßen Beinen
Schwert und Lilie zu vereinen,
wir fanden uns als Weib und Mann.

In jenem Augenblick jedoch,
in dem wir Gott so nahe waren,
in dem die Welt nach Weihrauch roch,
da kam ein grausiger Gedanke,
wie eine schlimme Dornenranke
mir brennend in den Geist gefahren.
Ich fand aus einer Welt aus reinem Glück
So in die wahre Welt zurück.
Wo mir der Blick des Freundes nicht entging,
der schmachtend wohl an meiner Liebsten hing,
der sie begehrt,
der sie verzehrt,
der sie entehrt,
der mich zerstört
und in mir eine dunkle Macht beschwört,
die nur aus Wut und Hass sich nährt.
Die ich vorher niemals kannte,
die mich plötzlich übermannte,
die mir ganz den Geist verbrannte,
die mich in Visionen bannte,
wie ich von Bergen mich umringt,
von deren Tälern, deren Höhe
im Morgenrot es golden blitzt und blinkt,
auf wunderbarem Tanzplatz sehe.
Auf dem um große Scheiterhaufen
Die Heerscharen der Hölle laufen,
lachen, tanzen, hüpfen, springen,
lästerliche Lieder singen.
Und inmitten dieser Meute
bin ich ihres Meisters Beute,
der mich an den Händen hält
und mich, was seiner Brut gefällt,
zwingt zu ungestümem Reigen,
bis sich alle Hexen neigen,
Beifall klatschen, jubeln, rufen,
seinem Tanz auf schnellen Hufen,
mir gefällt das Tanzen nicht.
Da erblick’ ich sein Gesicht
Und mein Herz wird wüst gespalten,
tief in mir ein ungeheures Loch.
Ist’s mein Freund und Wegbegleiter doch,
von dessen Griff ich fest gehalten.
Hämisch fängt er an zu lachen,
um uns johlt der Hexen Chor.
Wieder wächst aus meinem Rachen
meiner Rache Schwert hervor.
Hart und kalt liegt scharfer Stahl
schwer in meiner bloßen Hand.
Tiefe, nie gekannte Qual
Reißt an meiner Seele.
Hämmernd fragt sich mein Verstand,
warum er mich so quäle.
Doch die Tage sind vergessen,
in denen wir uns Brüder waren.
Freundschaft wird getrost gemessen
am Moment und nicht an Jahren.
Ohne mein Gesicht zu regen,
aber taumelnd, unter Qualen,
stoße ich so meinen Degen
in die Brust des Herzrivalen,
durch dessen Herz die Klinge dringt,
ihn langsam, stumm zu Boden ringt.
Als schon das Leben aus ihm weicht,
noch ein Gedanke ihn beschleicht,
eine Ahnung in ihm reift.
Kummervoll sieht er mich an,
weint, als er erst jetzt begreift,
was er mir hat angetan.
Weint um unser beider Leben,
unser hoffnungsvolles Streben,
um die Eintracht unsrer Herzen,
unsrer beider Seelen Schmerzen.
Blut mischt sich mit seinen Tränen,
tränkt die langen, wilden Strähnen.
Doch bevor er niedersinkt,
noch einmal er das Leben zwingt
und voller Liebe, endlich frei,
flüstert er mir zu: „Verzeih!“.
Langsam kann ich nun erst sehen,
was gerade ist geschehen.
Dass ich soeben mit verwirrtem Sinn
meinem Freund, der wunderbar
wichtig für mein Leben war,
zum Mörder selbst geworden bin.
So nehme ich die Götterstrafe,
die auf solchen Frevel steht,
hin, auf dass ich ewig schlafe
und mein Leib im Staub zergeht.
Sünd’ger Geist im Nichts verklinge
und so sühnt die Mörderklinge
lästerlichen Brudermord.
übergibt mich meinem Richter,
dunkle Welt wird nimmer lichter,
Geist geht nun den Geistern zu,
ihn umfängt die Grabesruh’
und ebenso stumm liegt die Welt,
als mein toter Körper fällt,
meine Seele ihm entsteigt,
demütig sich niederneigt,
vor des wahren Gottes Wort.

Ingo Stock, Januar 1998